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20.03.2011, 00:58

Liebes Tagebuch...

...aufgrund der Eintönigkeit unseres mittlerweile wochenlangen Fluges, die nur noch von der nervtötenden Schwatzhaftigkeit unserer maroden Bordpositronik getoppt wird, habe ich mich dazu entschlossen, ein - natürlich wahnsinnig geheimes(!) - Tagebuch zu führen, um etwas kompensieren zu können.

Die Stimmung an Bord ist mies, der technische Zustand der ORION 9 ebenso. Dass nun auch noch der Kaffeeautomat hinüber ist, trägt auch nicht zur Verbesserung der allgemeinen Laune bei. Nun, als hochbezahlte Spitzenkraft der terrestrischen Raumverbände muss ich wohl meinen Beitrag leisten, die Besatzung des Schiffes so weit zu motivieren, dass sowohl die Gefechtsbereitschaft aufrechterhalten bleibt, als auch weiter mit voller Aufmerksamkeit nach einem geeigneten Planeten zur Kolonisation Ausschau gehalten wird - auch wenn die Hoffnung langsam schwindet, mit diesem rauchenden Trümmerhaufen diesen Planeten zu finden, solange die Energie und die Vorräte noch reichen.

"Immer noch nur neunzig Überlicht!" quäkt ungefragt die Bordpositronik. "Gib nur Laut, wenn sich daran was ändert!" quäke ich zurück. "Mach' ich!" - "Okay, du tolle Maschine, das ist zwar wahnsinnig lieb von dir, aber eigentlich habe ich nichts anderes erwartet!" - "Deine Erwartungshaltung ist emotional geprägt und nicht zielführend." - Irgendwie erinnert mich dieser Art Dialog an solche, die ich mit meiner Ex jahrelang geführt habe.

Liebes Tagebuch! Sollten wir es doch noch schaffen, dieses Wrack auf einem bewohnbaren Planeten zu landen, wird die Demontage des Schiffsrechners das Erste sein, was ich veranlassen werde...

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21.03.2011, 12:33

Grenzenlose Freude!

Entgegen aller Wahrscheinlichkeitsberechnungen wurde von Leutnant Malle, der zur fraglichen Zeit seinen Dienst an der Orterstation versah, gestern Abend in wenigen astronomischen Einheiten Abstand tatsächlich ein Himmelskörper mit Terra-ähnlichen Voraussetzungen in allen entscheidenden Bereichen entdeckt. Nun sind alle an Bord in erwartungsvoller Spannung, selbst der Bordrechner hält sich zurück.

In etwa elf Stunden werden wir den Planeten erreicht haben - sofern alle Aggregate solange durchhalten. Indra versucht derweil, mit dem Kasten, der einmal ein Hyperfunkgerät war, dorthin einige Nettigkeiten zu übermitteln. Nur für den Fall, dass schon jemand vor uns dort Hütten gebaut hat.

Und natürlich gibt es für den Planeten auch schon einen Namen: CONFIANCE. Ich hab's mal abgenickt, damit die paar frankophilen Weicheier aus der Astrogation der ORION auch mal das Gefühl haben können, ernst genommen zu werden. Und nach dem Elend der letzten Wochen, der Flucht von ULTRAVOX in letzter Minute, dem Beschuss durch die Werferbatterien im Orbit... - ein wenig positives Denken kann nicht schaden. Ich beschäftige mich derweil aber lieber mit den Landevorbereitungen und Logistik nach dem Aufprall. Hoffentlich bleibt von uns nach dem Bodenkontakt mehr übrig als nur positives Denken; vielleicht rüttelt es ja sogar wieder KLICK zurecht, damit die Bordpositronik uns endlich mal wieder behilflich sein kann und nicht nur als Reisewecker dient.

Ich denke, wir werden in Kürze alle Hände voll zu tun haben, und ich befürchte, dass meine gemeinsame Zeit mit Kastilla arg darunter leiden wird...

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24.03.2011, 13:14

So, nun haben wir also wieder festen Hoden unter den Brüsten...äh... liebes TB, du weißt schon... (Nur gut, dass ein so intimes Dokument wie ein Tagebuch nicht der Öffentlichkeit zugänglich ist!!)

Unsere Landung erwies sich weniger spektakulär als befürchtet - unsere ORION stinkt jetzt zwar ähnlich wie die Mehrzahl der Mannschaft, doch haben wir nach einer ersten Bestandsaufnahme nicht nur keine Verluste an Besatzungsmitgliedern zu beklagen, sondern sogar die meisten Aggregate und etliche Robots heil auf CONFIANCE heruntergebracht. So steht einem organisierten Aufbau nichts mehr im Wege - ausser vielleicht die eigene Faulheit.

Wir haben uns entschieden, die ORION als Behelfs-HQ zu verwenden. Sie wird also noch einige Zeit als Zentrale und Unterkunft dienen, wobei wir kräftig dabei sind, alle Module auszuschlachten, die für den Aufbau autarker Einrichtungen notwendig bzw. nützlich sind.

Schon hat Grammy, unser Geologiestudent, den wir auf seiner Praktikantenfahrt zufällig wie glücklicherweise dabei haben, die ersten Probebohrungen unternommen und konnte erst vor wenigen Augenblicken reichhaltige Bodenschätze vermelden.

Unsereiner hat es sich nicht nehmen lassen, die ehemalige Bordküche ebenfalls auslagern zu lassen. Meine Leute haben jetzt ihr STARLIGHT CASINO wieder, das wohl auf der guten, alten Erde nicht mehr existent sein dürfte...

Hab' ich was vergessen? - Ist ja schon so viel passiert in den letzten Tagen. - Ah, natürlich: KLICK!

Entgegen meiner ersten Ankündigung verbleibt die Positronik noch ein wenig in der ORION, dort koordiniert sie verschiedene Abläufe und überwacht gleichzeitig mit der Gruppe um Leutnant Malle das Orbit. Soweit ich es zum gegenwärtigen Zeitpunkt beurteilen kann, hat sich ihr Zustand zumindest nicht verschlimmert. Allerdings wurde mir zugetragen, dass sie über den Ausbau der Küche jammert und zunehmend über ein "komisches Gefühl in der Zellstruktur der spaltbaren Prozesskörper vor dem Anomaliebereich". Wir wissen zwar alle, dass es sowas ja nicht gibt, trotzdem werde ich KLICK mal ein wenig auf den Zahn fühlen.

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26.03.2011, 15:04

Die Entwicklung auf CONFIANCE schreitet erstaunlich schnell voran.

Bei unserer heutigen Sitzung des provisorischen Verwaltungsrates mussten daher weitreichende Entscheidungen getroffen werden. Da sich in Kürze auch so etwas wie ein politisches Gremium bilden wird, ebenso ein wirtschaflicher Zweig und weitere Verästelungen, die eine wachsende Gesellschaft zwingend mit sich bringt, hier namentlich die Frauen und Männer der ersten Stunde:

Dem provisorischen Verwaltungsrat gehören zurzeit an:


Dr. Indra Ass-Baja /Kosmosoziologin - Abteilung FK (Fremdintelligenz-Kommunikation), Spezialistin im Umgang mit Alien - und zu aufdringlichen, terranischen Mannsbildern

Oberleutnant Kastilla Stexx - Feuerleitoffizier und nun Mitentscheider bei Flottenaufbau und Planetenabwehr, außerdem Betreiberin des STARLIGHT CASINO und...hmmm..., eventuell einmal Lebensphasengespielin von McLane... sofern meine Baggerei, die gefühlt seit dem Mäsozoikum andauert, endlich einmal auf fruchtbaren Boden fallen sollte.

Luigi Lallerini alias VEGAS - Presseoffizier und für PR - Massnahmen eingeteilt, gleichzeitig jedoch auch Flottillenbefehlshaber

Dr. Alz Heimer - unser Medicus, natürlich schon auf der ORION unser Bordarzt. Hier leitet er, abgesehen vom medizinischen Dienst, auch die logistische Arbeit für den Aufbau; zusammen mit den Technikern Gerald Todd und Ole Teuffel
(Hoffentlich kein Omen für das Ergebnis ihrer Arbeit!)

Dough - Keine Ahnung, wie er wirklich heißt, aber auf Drängen von Vegas und - interessanterweise auch Indra - habe ich ihn als "Mehrzweck-Springer" mit in den Rat geholt.

Meine Wenigkeit - Commander Alister McLane, ehemals Kommandant der Raumverbände "Sicherheitsstaffel TERRA", nun Projektleiter "Aufbau und Expansion"

sowie KLICK - unser immer noch in der Orion verankerter Bordrechner, der über eine kleine Aussenstelle, einen Mimikri-Robot, an der Versammlung teilnahm.

Über den Verlauf werde ich in meinem nächsten Eintrag berichten - ich muss eben zur Schiffstaufe, ehe mir Vegas noch den Taufsekt wegschnappt...

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27.03.2011, 21:15

Nachdem wir auf unserer Versammlung das Public-Relation Team Indra/Luigi darauf angesetzt hatten, unseren Personalbedarf massiv aufzustocken, um die Auslastung aller bereits laufenden, sowie kurzfristig in Betrieb zu nehmenden Anlagen zu gewährleisten, zogen sich die beiden nach Beendigung der Versammlung in einen - immer noch provisorisch eingerichteten Besprechungsraum zurück und begannen eifrig mit ihrer Arbeit.

Des Weiteren wurde das Forschungszentrum neu besetzt: Wir haben eine ideale Konfiguration gefunden: Ein KLICK-Mimikri wurde ausgelinkt und ins Labor des ebenfalls erst heute ernannten Leiter der Forschungsabteilung REINSKI eingebaut. Mir wurde unter der Hand zugetragen, dass das Modul KLICK-ME nach etwa einer Viertelstunde Professor Reinski nur noch mit "260970" ansprach. Ob das ein gutes Zeichen ist, wage ich zu bezweifeln.

Darüber hinaus wird in Kürze eine noch zu bildende Kommission zur internen Nachrichtenstruktur unter Leitung von Lord Abe ihre Arbeit aufnehmen.

PappaEnno, mit diesem Namen von Vielen aus unserer Besatzung für seine Verdienste aus dem 1. galaktischen Krieg geehrt, hat sich zunächst erheblich gegen die Übernahme der Kadettenakademie gewehrt, erst als er weitreichende Zusatzbefugnisse zur Unterhaltung einer eigenen Spezialeinheit erhielt, hat er sich in den Dienst der Sache gestellt.

Hoshiru wird als Verbindungsoffizier des Planungsstabes mit den Raumverbänden fungieren und ebenfalls Befehlsgewalt über eine Eingreiftruppe erhalten.

Die Rolle von LordAstroflottenbauer wird sich erst noch herauskristallisieren, da wir uns nach elfstündiger Sitzung und vielen Beschlussfassungen endlich eine Stärkung im STARLIGHT CASINO verdient hatten - soweit ich das Protokoll der Versammlung richtig im Kopf habe, erreichten wir nur bei diesem Punkt eine Zustimmung von 100%...

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28.03.2011, 12:51

Komme kaum noch nach mit dem Schreiben - fast macht mir die Entwicklung ein wenig Angst:

Die ersten Budget-Streitereien beginnen: Während Prof. Reinskis Forschungs- und Entwicklungszentrum großzügig ausgebaut wurde - KLICK wurde nunmehr darin integriert und weitere Mimikries installiert -, genießen andere Teile unserer Siedlung immer noch den spröden Charme eines terranischen Pfadfinderlagers.

Die Werftanlage, die ihren Namen nicht wirklich verdient und in Person von Kastilla Stexx vertreten wird, verfügt über keine Kapazitäten, größere - und vor allem schlagkräftigere - Schiffe zu bauen als unsere kleinen Jets und die anspruchslosen, fast frei von technischen Innereien versehenen und im Aussenbereich montierten Containerschiffe.

Oberleutnant Malle, der sich seinerzeit in der ORION am wohlsten in seinem engen Geflecht von Holoschirmen und Wirrwarr der Kabelkanäle seines Orterpultes gefühlt hat, drängt plötzlich zum Ausbau unserer Kommandozentrale, alternativ möchte er eine eigene "Ortungskuppel", wie er es nennt. Scheint ja in seinen Vorstellungen schon weit vorangeschritten. Aber auch Vegas ist aus Repräsentationszwecken dafür. Repräsentation für wen oder was?

Selbst Grammy, mittlerweile zum Leiter der stationären Recourcenbeschaffung aufgestiegen, wagt bereits leise Kritik an der Zuteilung von Robots und Förderapparaturen. Klar, dass er mit seiner Enthaltung bei der Zuteilung an die Werft gestimmt hat.

Unsere gute, alte ORION IX ist nun weitestgehend ausgeschlachtet und bietet ein schauriges Bild. Doch schon hat sich ein Kreis von Leuten gebildet, die unseren alten Kahn eine neue Bestimmung als "Kulturgut" - will sagen: Museum - verpassen wollen. Sollen sie. Die ORION war sicher kein übles Raumschiff, doch gemessen an dem, was Professor Reinski mir an Plänen für seine nächsten Schiffsprojekte offeriert hat, tut es mir nicht leid um sie. Ich bin gespannt, ob unser Genie sein Lastenheft 1 zu 1 umsetzen kann. Ich denke schon, dass die Werft gepusht werden sollte...

Was nun dringend notwendig ist: Nerven behalten und die zarte Struktur, die sich zu bilden beginnt, nicht durch blinden Aktionismus beschädigen, obwohl gleichzeitig alles zügig in Angriff genommen werden muss.

So, ich muss wieder los. Es läßt sich ja leider nicht alles aus dem HQ heraus regeln - NOCH nicht. Wenn aber erstmal die Zentrale.... hmmmm. Nein. Die Werft!

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31.03.2011, 21:02

Eben habe ich den Professor 'rausgeschmissen. Ganz beiläufig, mitten in meiner ehrlichen Begeisterung für sein erstes eigenes Raumschiffprojekt, einer „Spacejet“ (sehr einfallsreich ...), eröffnete er mir, er habe KLICK „autark“ gemacht. Sehr harmlose Bezeichnung für das, was mir dann dieser Querkopf präsentierte: Mit einer für ihn typischen, fahrigen Bewegung zog er eine Art überdimensionalen, dunkelgrünen Kugelschreiber aus seiner schlabbrigen Manteltasche, gut zwanzig Zentimeter lang und mit einem Durchmesser von etwa vier Zentimetern. Unten (?) zwei winzige, streichholzlange, ovale Stumpenbeinchen (schwarz) und oben – ein Kronkorken wie ein Sombrero, goldgelb über dem Kugelschreiberkörper thronend.

„Was um Himmels Willen ist DAS? Ein abgebrochener Zollstock? Eine Flasche Bier, die flüchten kann?“ - Neunzig Kilogramm Professor Reinski schielten vorwurfsvoll über den Rand seiner wieder voll im Trend liegenden, rosa Hornbrille. „Wie ich schon sagte: Dies ist KLICK, und diesmal autark. Das heißt, Commander, wir können ihn nahezu überall mit hinnehmen. Es ist quasi...“, dabei nahm sein Gesicht einen geradezu verträumten Ausdruck an, „ein mini-Robot, mit allem Wissen von KLICK, sogar beschränkt...“ - „Ja, das fürchte ich auch!“ grunzte ich ihn an. „....beschränkt flugfähig, Commander.“

Wenn Reinski jetzt beleidigt war, ließ er es mich nicht merken.

Ich versuchte, nicht an die Gelder zu denken, die der Rat dem Professor bewilligt hatte, um neue Antriebe zu erforschen, doch ich konnte einfach nicht anders. “Professor, mit den Mimikries hatte ich KLICK schon im Nacken. Ich – das heißt, unser Imperium - benötigt keine philosophierenden Flaschenzwerge, die zehn Meter fliegen können und bei der Landung wahrscheinlich noch etwas kaputt machen! Unser Imperium benötigt Raumschiffe...RAUMSCHIFFE mit einem besseren Antrieb...schneller...stärker....einfach BESSER! Und nun kommen Sie mit fünf Kilo Restmüll in mein Büro?“

Ich hatte mich ein wenig in Rage geredet, zugegeben. Wortlos, mit versteinerter Miene, stellte mir der Professor nun diese KLICK-Inkarnation vor die Nase, mitten auf den Kommunikationstisch. Der goldgelbe Kronkorken schimmerte plötzlich heller, klappte ein wenig auf, und auf Interkosmo wurde mir in distanziert-kühlem Bariton der Tag endgültig versaut:“Kastilla fand mich sexy. Indra hat mich sogar schon geknuddelt. Und du solltest deinen massigen Körper endlich zur Forschungsstation unseres Genies, Professor Heribert Reinski, schwingen. Wir haben dir einiges zu zeigen!“

„Den Teufel werd ich tun! Das wird ein Nachspiel haben, 'raus mit euch, ihr...ihr... Nichtsnutze!“ - "Nenn' uns einfach „die Ionen-bändiger!“ rief mir dieser KLICK-Zwerg noch mit spöttischem Unterton zu, während der Kronkorken auf-und zu klappte, dabei schelmisch blinkend. Gut für die Beiden, dass sie bereits ausser Reichweite waren, als ich endlich einen Gegenstand zu fassen bekam, den ich hätte werfen können – zufällig einen Flaschenöffner...

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Klick« (31.03.2011, 21:06)


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08.04.2011, 15:22

Wie die Zeit verfliegt!

Hätte ich es nicht notiert, wäre mir der Zwischenfall mit diesem seltsamen Gespann Reinski/Klick wohl wieder entfallen. Nun, nach einigen Tagen, in welchen ich weder Zeit noch Lust zu einer schriftlichen Zusammenfassung aller Diskussionen über Zuständigkeiten, Budgetzuteilungen, Personaleinsatz und weitere Administration eines elenden Papierkriegs hatte, las ich gestern wieder in diesem Speicherkristall und fasste den Entschluss, im wahrsten Sinne des Wortes nach Feierabend die Quelle des steten Nachschubs der nicht abreißenden Alarmmeldungen abzuklopfen: Das STARLIGHT-CASINO!

Schon während der ersten Schritte - das HQ noch in den samtig-wohligen Gelbtönen der untergehenden Sonne, die wir CHROMA genannt hatten, verlassend - schalt ich mich einen Narren, dass ich viel zu lange schon nur den Pendelverkehr zwischen HQ und den Unterkünften genutzt hatte. Viel hatte sich getan, auch bei den profanen, alltäglichen Dingen: Nicht mehr nur Wohncontainer, sondern ansprechende Wohnsilos mit teils liebevoll bepflanzten Zufahrten waren angelegt worden. Das tiefe Stahlblau mit den schwarzen Streifen, Kennzeichnung aller militärischen Gebäude, war endlich etwas in den Hintergrund getreten, wenngleich die Bautätigkeiten auch hier in vollem Gange waren.

Die ersten Kilometer des „Frog-Boulevard“, der neuen Gleiterstrecke zwischen der Peripherie unserer Hauptstadt SAMBUCIA und dem Stadtkern waren fertiggestellt und strahlten im satten Glanz typischer Composit-Neubauten; selbst deren feiner Geruch zog in die Nase. Hier und dort hantierten Werkstattrobots, sogenannte „Multikries“, noch an irgendwelchen Sende- und Empfangsstäben herum oder pinselten Freiflächen.

Bereits vor Betreten des halbkugelförmig angelegten Casinos, in dessen obere Kuppelhälfte einseitig dunkelgrün getöntes, durchsichtiges Glassit verbaut war, sprangen mir die knallgelben Buchstaben eines merkwürdigen Spruchs ins Auge:“DO NOT PANIC! WE ARE NOT INSANE – JUST DRUNK“. Abgesehen von der Nutzung altterranischen Dialektes verschrobener Inselbewohner fand ich diesen Spruch recht affig und irgendwie auch unpassend hinsichtlich der gemeinschaftlich gesetzten Ziele.
Als ich die Lichtschranke des STARLIGHT-CASINO durchschritt, umfing mich das bereits verloren geglaubte Halbdunkel mit dem dazu gehörigen, schweren Duft hochprozentiger Brauvarianten. Doch DAS war es nicht, was mir fast die Sinne raubte....

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07.07.2011, 16:09

Ich glaubte - nein, ich HOFFTE - zu träumen.

Wähnte ich meine - wie ich bis zu diesem Zeitpunkt dachte! - besten Leute in ihren Büros, arbeitswütig und verantwortungsvoll die Geschicke des SOLAREN IMPERIUMS lenkend, so bot sich mir ein Bild, wofür der Begriff "Panoptikum" eine maßlose Untertreibung darstellte:

Eingerahmt vom üblichen Publikum einer Raumfahrer-Kneipe (selbstverständlich nur für die Freischichten nutzbar), befand sich ein als STAMMTISCH gekennzeichneter Ring von Klappstühlen inmitten der Gaststube. Im Zentrum schwebte, ohne sichtbare Befestigung, eine nur millimeterstarke Ellipse wohl aus Formenergie - welche sich in langsamer Drehung befand. Auf dem Rund der Stühle fand ich meine gesamte Kernmannschaft wieder, in äußerst beschwingter Laune nach den sicher hochprozentigen Getränken grapschend wie ein Haufen kleiner Kinder. Komplettiert wurde der sich mir bietende Inbegriff der Dekadenz durch die markerschütternde, akustische Lawine, die aus unsichtbaren Lautsprechern hervorbrach:"Einer geht noch, einer..."

In demselben Augenblick, wo ich damit begann, meiner eigenen Wahrnehmung zu mißtrauen, wurde ich von Indra bemerkt. Tatsächlich wirkte sie einen kleinen Moment bestürzt, dann jedoch schien sie - ganz in ihrer Rolle als Kosmopsychologin aufgehend - innerhalb von Sekundenbruchteilen eine Entscheidung getroffen zu haben, die folgendes auslöste: Aufstehen - die Arme wie zu einer herzlichen Begrüßung ausstrecken - ein breites Grinsen auf ihr hübsches Gesicht zaubern - und gegen das Inferno der akustischen Lawine rufen:"Hey hey! Ich kann's ja nicht glauben! Der Chef vom Ganzen gibt sich die Ehre! Leute, die nächste Runde geht auf mich!".

Der Strohalm von Hoffnung einer falschen Wahrnehmung zerbrach, denn wenn ich noch gehofft hatte, der Spuk würde sich auflösen - oder die Männer und Frauen meines Vertrauens vor Scham erbleichen, so wurde ich umgehend eines Besseren belehrt: Großes "Hallo" und Gezeige in meine Richtung und Reinski gestikulierte mit seinem leeren Glas unmißverständlich den Bedienbot herbei. Unmöglich, den Fängen der Crew auszuweichen; schon war ich quasi an einem Sitz festgetackert, im nächsten Augenblick schwappte mir eine furchtbar süßlich stinkende Brühe entgegen und ... dann war nichts mehr...

10

13.07.2011, 15:16

"Hallo?" - "Huhu!?"

Ich wollte nicht aufwachen. Es roch streng nach einer Mischung von Hustensaft und zu schwerem Frauenparfüm.

"Hallo Mäcki...Hasi, mein süßer Commander!"

Noch ehe ich fähig zu einer Bewegung war - sei es auch nur das Aufklappen eines Augenlids - klingelte wieder meine Warnglocke, und der Hustensaft-Parüm-Mix traten umgehend den Wahrnehmungsrückzug an. Wenn selbst Kastilla sich auf die gleichen Ausdrucksebene wie ein schwuchteliger Pudelfriseur herabliess, war es wirklich schlecht um meine Befindlichkeit bestellt.

Mir gelang ein Grunzen, gleich darauf vernahm ich zunächst ein erleichtertes "Ahhhhh!" aus mehreren, noch nicht zu identifizierenden Mündern, welches phonetisch beeindruckend von einem satten *PLOPP* abgeschlossen wurde. Während mein Kleinhirn noch dabei war, die Münder zu identifizieren, ohne auf die Unterstützung meines Augenlichts zurückgreifen zu können, so konnte das *PLOPP* bereits eindeutig dem Flachmann des Professors zugeordnet werden. Sein aufmunterndes "Jo, da zuckt er ja schon wieder!" sorgte zumindest im Kreise der besorgten Münder für Entspannung, denn ich vernahm beruhigendes Gemurmel.

Was war bloss mit mir los? Ich lag offensichtlich in einem Krankenbett, konnte mich - zumindest noch - nicht bewegen, und erst langsam nacheinander setzten meine Sinne ein. Schmerzen verspürte ich jedoch keine; allein die offensichtliche Lähmung machte mir zu schaffen. Alle Kräfte sammelnd, gelang es mir nun doch, die Trägheit der Augenlider zu bezwingen, und ich schaute aus schmalen Schlitzen durch Gitterstäbe in die Runde eines medizinischen Reinraumes. Sollte ich nun gerührt sein ob der Umzingelung meines Gitterbettchens? Sie waren schließlich ALLE da - und nicht etwa im STARLIGHT CASINO, sondern hier - ich erkannte es nun natürlich sofort - im MEDICA-CENTER von Sambucia. Andererseits war die Situation geradezu grotesk und für mich an Peinlichkeit kaum zu überbieten (beispielsweise durch eine am Gitterstab festgezurrte beliebte Babyspieluhr mit plüschüberzogenem Halbmond).

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Klick« (13.07.2011, 15:17)


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